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letzte Aktualisierung: 7.11.08 | Das Buch | |

Radda, Chris

(2. März 1960 in Wien)

Vielfacher Magazingründer, -käufer und -verleger mit spannenden Finanzierungsformen, inbesondere Verlustbeteiligungen; heute Miteigentümer und Verleger von medianet, einer Art gemeinsamer Branchenzeitung für eine Reihe von Sektoren, die von Dienstag bis Freitag täglich verschickt wird, tunlichst an Entscheidungsträger, und meist eher freundlichen Journalismus pflegt.

Schon bei der Schülerzeitungen in Wien-Ottakring stellte sich die Frage: Wer zahlt den kleinen Braunen und die Rechnungen und stellt das Geld auf? Schreiben wollten immer alle, diese Themen blieben an Chris Radda hängen. Das Blatt hieß laut Radda Sintflut, trat am Schumannplatz die Nachfolge einer Schülerzeitung von Wolfgang Maier an, Chefredakteur war Michael Geringer.


Mit Geringer, dessen Bruder Alexander, Wolfgang Maier und anderen arbeitet Radda schon um die Matura bei Ö3, in jener Hauptabteilung, wo Sendungen wie „Zickzack“ oder „Musicbox“ entstehen (die viel, viel später 1995 in FM4 münden)


Radda studiert relativ erfolglos Wirtschaft, lernt Andy Dressler als damaligen Pressesprecher der Hochschülerschaft kennen. Gemeinsam produzieren sie den ÖH Express als „hochauflagiges Magazin“ (Radda).


Wolfgang Maier holt die beiden knapp vor dem Start 1983 zu Basta der Brüder Fellner. Dressler wird Chefreporter, Radda keilt als „rechte Hand von Helmuth Fellner“ Anzeigen.


Ein Jahr später, im Mai 1984, geben sie doch lieber ihr eigenes Blatt heraus: das Reportagemagazin Ikarus. Übrigens schon in einem Teil jenes alten Postgebäudes in Wien-Favoriten (Davidgasse), das davor André Heller nutzte, und wo sie ihre kleine Verlagsgruppe zusammenbasteln werden. profil beschreibt das Heft beim Start als „kleine Fluchten“, zweimonatlich für mutig teure 48 Schilling in modernem, aufwändigem Layout: „Was der Playboy dem biederen Buchhalter an Befriedigungssurrogaten in Sachen Frau verkauft, der Wiener an städtischen Erlebnissen dem Bewohner der Vorstadt, will Ikarus dem fernwehkranken Pauschaltouristeten bieten: einen Hauch von großer weiter Welt.“ Weniger zynische Zeitgenossen sehen das auch in Deutschland vertriebene Magazin als Vorläufer von mare. Selbst profil erkennt immerhin einen „Cocktail“ aus Transatlantik, stern und Wiener, abgeschmeckt mit einem Schuss _National Geographic_“.
Ein „Höhenflug“, sagt Dressler später, „ökonomisch ein gemischter Flug: Mit American Express sind wir dann eine Vertriebskooperation eingegangen. Es ist schließlich ein Zwitter zwischen Kauf- und Kundenmagazin geworden. Ähnlich wie das später von uns gegründete AUA-Magazin Skylines. Skylines hat einen Deckungsbeitrag für Ikarus geliefert. Und plötzlich war da ein Verlag.“


Ganz so schnell geht es auch wieder nicht. Ikarus erscheint im nach ihren Gründern benannten D & R Verlag. Den beiden Jungverlegern gehören 42 Prozent daran, Werbemulti und Magazinverleger Hans Schmid 58. Nach ersten Verlusten hält Schmid über eine atypisch stille Beteiligung schon 96 Prozent. Dressler übernimmt zusammen mit Michael Geringer am 1. Dezember die Chefredaktion von Schmids Wiener (nach Michael Hopp), Radda ist Geschäftsführer von Schmids Metro-Verlag, der den Wiener (für Österreich und damals auch für Deutschland) herausgibt. D & R produziert Kundenzeitschriften etwa für die Modekette Don Gil, für den Club Ö3 des ORF, Wien aktuell für diese Stadtregierung und die Münchner Illustrierte, zudem das kostenlose Kinomagazin Skip, die deutsche Kulturzeitschrift Pierrot, alles Auftragsarbeiten.


Geringer, Radda und Dressler sollen laut profil „den Metro-Verlag in die 90er Jahre führen“, der Schmid schon manche Million gekostet hat. Das geht sich nicht mehr aus: Cash flow, geführt vom entnervt 1986 vom Wiener abgegangenen Michael Hopp, berichtet Anfang 1989 vom unschönen Abschied des dynamischen Duos von Schmid. profil meldet daraufhin, Radda, damals 29, und Dressler, 28, klagten Hopps Wirtschaftsmagazin wegen Kreditschädigung und übler Nachrede. Damit träten sie dem Bericht entgegen, Schmid habe die beiden hinausgeworfen, weil sie mit „beispiellosem Chaotismus“ den Verlag in die Pleite geführt, Schulden an Schmid nicht bezahlt und wichtige Buchungsunterlagen gelöscht hätten. Radda und Dressler legen dem Gericht daraufhin Erklärungen des Schmidt-Geschäftsführers Alexander Lonyay und eines Wirtschaftsprüfers vor, die ihnen „gute Arbet und einen korrekten Abgang“ bescheinigten. Von einer Pleite sei der Verlag weit entfernt, für 1988 werde Gewinn bilanziert. 1999 werden Radda und Dressler den Wiener übernehmen, 2001 den Rest des Metro-Verlags. Aber so weit sind wir noch nicht.


Das dynamische Duo drehte 1989 die zwei Buchstaben um und gründet den R & D-Verlag, der eine lange Kette von Neugründungen mit einer langen Reihe von Verlustbeteiligungen finanziert. So und mit Kundenzeitschriften wie Skylines und dem übernommenen Diners Club Magazin finanzieren sie Zeitschrift um Zeitschrift, später mit Partner Bonnier das Wirtschaftsblatt. Mehr dazu unter Styria Multi Media, wie das Konglomerat heute heißt. Der Grazer Medienriese Styria hat den Verlag (der zwischendurch ET Multimedia hieß) 2005 ganz übernommen.


Dazwischen lag die große Börsenblase der New Economy: Ende der 1990-er Jahre und 2000, Blütezeit der New Economy und der Telekomliberalisierung, erkennt Radda die Chance früh und punktgenau. Er bringt seine Telefonfirma Cybertron mit gewaltigem Erfolg im Dezember 1999 an die Börse, das Geld für Zukunftsbranchen wie diese sitzt damals besonders locker. Zu besten Zeiten war Raddas Portfolio knapp weniger als eine Schillingmilliarde wert, mehr als 71 Millionen Euro. Der trend schreibt Anfang 2000 von Radda & Co schon als „Bertelsmänner von morgen“, freilich mit einem Fragezeichen dahinter. Doch bekanntlich platzt die Blase und mit ihr der Reichtum, und Marktbeherrscher Telekom putzt den Konkurrenten schließlich mit „aggressiver Marktbereinigung“ (Radda) aus dem Geschäft. 2003 schlittert der einstige Börsenstar Cybertron in den Anschlusskonkurs. Und auch aus dem Börsegang seines kleinen Verlagsreiches ET Multimedia wird nichts mehr.


2001 bewirbt sich Raddas ET Multimedia zusammen mit Thomas Madersbacher ohne Erfolg um die lokale Wiener TV-Lizenz. Die ETM gründet mit Madersbacher im Oktober 2002 den Musiksender gotv über Kabel und Satellit. Als die Styria die ETM übernimmt, nutzt Madersbacher sein Vorkaufsrecht und übernimmt die Anteile mithilfe der Immokredit.


Radda scheint übrigens auch als Gründungsmitglied des Branchenmagazins _Der
österreichische Journalist_ anno 1987 auf.


Radda betreibt seit 18. September 2001 medianet, sein Modell einer Branchentageszeitung für mehrere Sektoren, zunächst für Medien und Marketing, inzwischen mit verschiedensten Schwerpunkten. Die Printvariante verschickt er von Dienstag bis Freitag an – möglichst – Entscheidungsträger. Schon vor September 2001 betrieb Radda medianet als Onlinedienst für Medien und Marketing.


Die medianet Verlag AG gehört Herausgeber Radda zusammen mit Markus Bauer (seinem langjährigen Mitgesellschafter und Finanzer) und dem Fotografen Wilhelm Bauer. 16 Prozent halten Altaktionäre aus früheren Verlustbeteiligungen der mit medianet verschmolzenen R&D Medienbeteiligungs GmbH. Seit 2006 gibt er auch die golfweek und das aus mycat entstandene vet journal für die Tierärztekammer heraus.


Finanzielle Sorgen scheinen Radda nicht zu plagen, gehört ihm etwa die eindrucksvolle Villa Hahn von Otto Wagner in Baden, gebaut 1885 mit Bedacht auf „monumentale Perspektive“ (trend) auch aus der Ferne, laut Radda erworben zu äußerst günstigen Konditionen. Dem Vernehmen nach suchte Radda aber schon Käufer.


Der medianet Verlag habe 2008 sechs schwarze Bilanzen hinter sich, zahle fünf Jahre Dividende, sagt Radda im Frühjahr 2008. Die ET Multimedia sei beim Verkauf an die Styria ihren halben Jahresumsatz wert gewesen. Rund um 35 bis 40 Millionen Euro kann man den Jahresumsatz der ET Multimedia (inklusive damals 50 Prozent am Wirtschaftsblatt) ansiedeln; 2002 hielten Radda und Dressler hielten über ihre Privatstiftungen je 3,49 an der ET-Multimedia, die R & D Holding weitere 29,6 Prozent. Beim Ausstieg hatten die Gründer und das Management laut Radda gemeinsam noch rund 20 Prozent. Ein wenig Geld wird ja doch auch aus der Cybertron übrig geblieben sein. „Ich bin nicht reich“, sagt Radda, immer eine Definitionsfrage, „das Vermögen ist etwas höher als die Verbindlichkeiten“. Aber er „will nicht jammern“; höchstens darüber, dass er „rasende Steuern“ zahle. Er habe „seine Rechnungen immer bezahlt“. Bis auf jene früher fällige für Ikarus, die Hans Schmid damals 1984 übernahm und sich so in Besitz des D & R Verlags brachte.

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