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letzte Aktualisierung: Dec 4, 00:22 | |

Horizont: "Ein Standardwerk"

ÖMG Business Lounge: Harald Fidler präsentierte sein, Österreichs Medienwelt’ – Diskussion über Medienethik mit Anneliese Rohrer, Armin Thurnher und Harald Fidler

,Es kann alles passieren – aber ohne Konsequenzen’

Die Österreichische Marketinggesellschaft und der Falter Verlag hatten den Ort der Präsentation des neuen Buches von Harald Fidler mit Bedacht gewählt: Die Bundeswettbewerbsbehörde ist jene Einrichtung, die Zusammenschlüsse jeder Art zu prüfen hat – hinsichtlich des Themas Wettbewerbsverzerrung. Die heutige BWB ist für österreichs Medienkonzentration nicht verantwortlich: In ihrer jetzigen Form existiert die BWB seit 2002 (siehe www.bwb.gv.at ).

Medienlexikon am Punkt der Zeit

Harald Fidler hat in dem 631 Seiten starken “Medienlexikon” nach “Sendepause” und “Im Vorhof der Schlacht” nun lexikalisch zusammengefasst, wer die handelnden Personen (verdienstvoll: allesamt mit Geburtsdaten) und Institutionen waren und vor allem sind. Fidler hat 1.000 Stichworte mit ungezählten Querverweisen zusammengetragen – und das Kunststück geschafft, dennoch ein lesbares Buch zusammenzustellen. Nicht nur ein Kraftakt des im Standard und bei etat.at vielbeschäftigten Autors, sondern auch seines Verlegers Falter-Verlag. So liegt ein Standardwerk vor, das über das Druckwerk hinaus auf http://diemedien.at eine Fortschreibung entwickeln will.

Unter Druck und, versaut’

Diskutiert wurde auch: ÖMG-Präsident Peter Drobil und Hausherr Theodor Thanner hatten Verleger (und Falter-Chefredakteur “im Übrigen bin ich der Meinung …”) Armin Thurnher, Kurier-Autorin Anneliese Rohrer, passionierte Lehrende an der FH – Studiengang Journalismus und Medienmanagement, sowie den Autor selbst aufs Podium gebeten. Hatte Thanner noch die Aufgabe seiner Behörde damit beschrieben, als Instanz für “fairen und freien Wettbewerb” zu sorgen, so hielten sich die drei Diskutanten erst gar nicht in diesen hellen Sphären auf: Fair und frei ist in Österreichs Medienlandschaft rein gar nichts.

Harald Fidler schlug die Marschroute ein, als er eingangs seinen “Stofflieferanten Dichand und Fellner” sehr herzlich dankte – und klar wurde, wie kurz ebenjene Liste der immer wiederkehrenden, prägenden Akteure ist: Es folgte nur mehr der ORF, dann Schweigen. Journalismus in Österreich habe es angesichts der die Maßstäbe setzenden Vormachtstellung der Krone nun einmal schwer, formulierte Rohrer (und machte sehr deutlich, dass der Journalismus der Krone nicht ihrem Begriff von “Qualitätsjournalismus” entspricht). Aber, blitzte ein Stück Selbstreflexion auf: “Wir können uns ja nicht die Bevölkerung aussuchen – und die Krone ist eine Tatsache!” Rohrer kritisierte, dass in den letzten ein, zwei Jahrzehnten Journalismus in Österreich “sich zu wenig um das journalistisch Mögliche” gekümmert hätte. Zeitliche Belastung, ökonomischer Druck und Versuche, den Kollektivvertrag, der ein Schutz für unabhängiges journalistisches Arbeiten sei, auszuhebeln, ortete Rohrer quer durch Branche – bis zum ORF, der “ja auch nur mehr auslagern will und die dienstrechtlichen Absicherungen und Verpflichtungen so umgehen” möchte.

Ist SOS-ORF schuld?

Rohrer entwarf ein Paradoxon: “Eigentlich hat ja SOS-ORF das jetzige Dilemma des ORF mit verschuldet.” Und, noch deutlicher: “Wer mit diesem Personal eine solche Politik macht, ist nach Hause zu schicken!” Das sieht Autor Fidler ein wenig differenzierter: SOS-ORF habe definitiv nicht den amtierenden Generaldirektor und seine Cos bestellt: “Der Wrabetz hat sich das Direktorium aufs Aug’ drücken lassen.” Verleger Thurnher suchte zu kalmieren: “Die objektive Situation des ORF ist, dass er völlig der Kommerzialisierung der Märkte ausgeliefert ist – und sich selbst auch ausliefert.” Thurnher weiter: So wie eben die Krone das ausdrücke, was die größtmögliche Anzahl der Leute lesen will, – und wie die Werbewirtschaft dies honoriere.

Werbewirtschaft nicht verantwortlich!

Einspruch Fidler: “Man kann der Werbewirtschaft die Verantwortung für den Zustand der österreichischen Medienlandschaft nicht einfach umhängen!” Die Werbewirtschaft fordere zwar Reichweiten, aber wie die Medien damit umgingen, wäre ein anderes Thema. “Ich nehme an, Du sprichst von Österreich?”, fragte Rohrer, um gleich zum Frontalangriff gegen Wolfgang Fellners Blatt zu schreiten: Das Hineinschreiben in Artikel von Redakteuren, die “sich nicht wehren können”, so Rohrer, sei eine “wirkliche Versauung!” Rohrer weiß, wovon sie spricht: “Die Fachhochschule war stolz auf jeden Jungen, der dort zu arbeiten angefangen hat – heute sind wir stolz auf jeden, der wieder weggegangen ist, weil er sich solche Dinge nicht bieten lässt.” Warum sei es so schwer, ein journalistisch spannendes Produkt zu machen, ohne dass sich die Journalisten verbiegen müssten?, sinnierte Rohrer.

Die drei Kassandras

“Wir sind eben die drei Kassandras”, versuchte Fidler noch einmal vom Konkreten zum Strukturellen zu leiten, aber Rohrer wollte es jetzt wirklich wissen: Was sei los in einem Land, in dem die sogenannten Eliten hinnähmen, dass Landeshauptleute Gesetze ignorieren würden oder gar indirekt zu Körperverletzung, wenn nicht Mord, aufriefen? “Es kann in Österreich alles passieren, aber es hat keine Konsequenzen!” Zum Schluss der kurzen Publikumsdiskussion ein Statement eines der Großen seiner Zunft, Hubert Schillhubers (DMC-Gründer, entwarf mit Florian Brody das letzte Bacher-ORF-Design): “Ich war jetzt über zehn Jahre lang in Deutschland, das auch keine heile Welt ist. Aber das System der Rechenschaftziehung funktioniert dort – ganz im Gegensatz zu Österreich.” hs

(Horizont Österreich)

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