Pius Strobl (ORF)
Inhalt
Dieses Thema ist auch relevant für:
Warum ist das wichtig?
- Pius Strobl hat einige Generale und Direktoren gemacht oder gestürzt oder zumindest dabei geholfen.
- Strobl ist bis Ende 2026 bestbezahlter ORF-Manager, besser bezahlt als der/die ORF-General:in.
- Er hat das 303 Millionen Euro schwere Bauprojekt ORF-Zentrum zurück in seinen Budget- und Zeitplan gebracht und ein Stück unter Plan abgeschlossen.
- Im März 2026 beschäftigt Strobl intensiv Österreichs Medien. Eine ORF-Mitarbeiterin aus seinem Bereich erhebt Vorwürfe des Fehlverhaltens gegen ORF-General Roland Weißmann, legt Dokumente vor und droht mit deren Veröffentlichung, wenn er nicht binnen Tagen zurücktritt. Weißmann kommt der Forderung am 8. März nach. Strobl bestreitet eine Beteiligung an den Vorgängen. Er wirft Weißmann aber Mobbing und Bossing vor, das ihn in ein Burnout getrieben habe. Er bestätigt, dass sein Anwalt auch die ORF-Mitarbeiterin vertritt.
- Als ORF-Generaldirektor hat Alexander Wrabetz 2010 einen ORF-Pensionsvertrag mit Pius Strobl abgeschlossen, den Nachfolger Roland Weißmann wegen rechtlicher Bedenken ablehnt.
- Strobl muss ihn einklagen, wenn sein ebenfalls von Wrabetz abgeschlossener Vertrag als bestbezahlter ORF-Manager Ende 2026 ausläuft. Strobl ist dann 70.
Kontext: ORF und ORF-Generale
<span class="dmmark">diemedien.</span> über den ORF, Österreichs weitaus größten und öffentlich finanzierten Medienkonzern
<span class="dmmark">diemedien.</span> über Generaldirektor:innen des ORF. – wie man Generalin:in wird, wie man das bleibt, und wie man Generäle (vorzeitig) loswird.
Ich widme Pius Strobls vielfach spektakulären Leben hier ein bisschen mehr Raum als auf <span class="dmmark">diemedien.</span> üblich und mehr als seiner Bedeutung für die Medienbranche insgesamt angemessen. Unten zeichne ich nach, wo und wie Strobl beim Werden und Fallen von Generaldirektor:innen und Direktor:innen eine Rolle spielte.
Wer ist Pius Strobl?
Geboren am am 28. Juni 1956 im Burgenland.
Waisenknabe
Strobls Vater hat Frau und Kind verlassen. Die Mutter stirbt an einer Lungenentzündung, als ihr Sohn 16 Monate alt ist. Sie hatte kein Geld für Penicillin. Strobl wächst bei seiner Großmutter in Mattersburg auf, gekleidet aus der Altkleidersammlung. Er schwört sich damals, nie wieder arm zu sein, schrieb Standard-Journalist Michael Völker in einem gemeinsamen Porträt aus 2024.
Gendarm und SPÖ-Revoluzzer
Strobl kommt aus einer SPÖ-geprägten Familie. Er geht zur Gendarmerie, wird zur ÖVP-geprägten Exekutive zurück ins Burgenland versetzt. Mit dem damaligen Parteirevoluzzer und späteren SPÖ-Parteimanager Josef Cap greift er Landeshauptmann Theodor Kery an; auf einem Parteitag 1982 stellt ihm Cap drei legendäre Fragen: "Stimmt es, dass du mehr verdienst als der Bundeskanzler? Stimmt es, dass du als Aufsichtsratsvorsitzender verbilligten Strom der BEWAG (Burgenländische Elektrizitätswerke) beziehst? Ist es wahr, dass du in deiner Freizeit mit Maschinenpistolen schießt?" In der SPÖ fühlt sich Strobl nicht mehr daheim.
Grünen-Gründer
Strobl managt den Präsidentschaftswahlkampf der umweltbewegten Freda Meissner-Blau 1986. Im selben Jahr werden die Grünen als Partei registriert, und Pius Strobl ist formal ihr Gründer: Er deponiert die Satzungen der neuen Partei im Innenministerium. Die Grünen schaffen es in den Nationalrat, Strobl wird ihr Geschäftsführer. Seinen Einberufungsbefehl zum Bundesheer ignoriert der Ex-Gendarm und geht, medial gekonnt verwertet, als Wehrdienstverweigerer ins Gefängnis.
1990 hat sich Strobl aus der Politik verabschiedet. Noch aus seiner Zeit in der Partei stammt ein Spitzname Strobls, der wohl seine entschlossene, vielleicht gefährliche Wirksamkeit illustrieren soll: "grüne Mamba".
ORF und Geschäft
Ab 1989 sitzt Pius Strobl im ORF-Aufsichtsrat (damals: Kuratorium). Mit guten Kontakten von redefreudigen, unzufriedenen ORF-Mitarbeiter:innen bis an die ORF-Spitze und andererseits zu interessierten Medien wird Strobl zur schlagkräftigen Einmannfraktion, die einiges in Bewegung setzt. Mehrfach spielt er (mit)entscheidende Rollen bei der Bestellung und Absetzung von ORF-Managern (unten mehr).
Firmen in seinem Umfeld machen Geschäfte mit dem ORF, er erfindet 1996 den vom ORF promoteten "Wiener Eistraum", er sichert sich 1998 ORF-Rechte für Public Viewings, zieht sie als Großevents auf. Er übernimmt Gastronomieprojekte für den ORF.
Immo-Entwickler und Gastro-Unternehmer
Wiens Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ) will den heruntergekommenen Spittelberg in Wien-Neubau entwickeln. Strobl übernimmt zusammen mit dem Immobilienunternehmer Günter Kerbler diese Aufgabe. Eine Vielzahl von Lokalen dort betreibt er zwischendurch. Später betreibt Strobl auch die Rennbahn Krieau als Eventlocation, auch mit großen ORF-Events.
ORF-Manager
1999 verlässt Strobl den ORF-Aufsichtsrat fürs Erste. Im August 2004 kehrt er als Stiftungsrat der Grünen zurück, bis 31. Dezember 2006. Da wechselt er mit dem von ihm mitgemachten ORF-General Alexander Wrabetz als Kommunikationschef ins Unternehmen.
Die von Strobl orchestrierte Kommunikation des ORF über die "größte Programmreform aller Zeiten" im Frühjahr 2007 erweist sich als Eigentor. Sie weckte höchste Erwartungen in ein letztlich überhastet und unprofessionell zusammengezimmertes Produkt, das (neben selbst verschuldeten technischen Herausforderungen) die Marktanteile einknicken ließ. Hohe Erwartungen weckt Strobl auch in den von ATV als "Retter" der ORF-Quoten geholten Society-Reporter Dominic Heinzl und sein Format Chili, für den der ORF um mehrere Millionen Euro ein eigenes Studio baut. 2012 ist Chili schon wieder Geschichte.
Die "Abhör-Affäre"
Der ORF-Stiftungsrat soll am 11. November 2010 auf Antrag des damaligen ORF-Generals Alexander Wrabetz Infodirektor Elmar Oberhauser absetzen (Oberhauser widersetzt sich einer Chefredakteursbesetzung, die er als Parteiwunsch ablehnt). Strobl lässt eine Mitarbeiterin der ORF-Kommunikation Gespräche zwischen Stiftungsrät:innen, Direktor:innen und Journalist:innen mitschneiden. Unter massiven Protesten von Direktor:innen und Journalist:innen über die "Abhör-Affäre" tritt Strobl zurück.
Agentur
Strobl konzentriert sich wieder auf seine Agentur, die erst PS Consulting, dann P+S heißt, zwischen Kommunikation und Immobilien.
ESC 2015
Wrabetz holt Strobl bald wieder zurück, zunächst als externen Berater mit seiner Agentur. Zunächst managt Strobl den Eurovision Song Contest 2015 in Wien für den ORF, nach damaligen ORF-Angaben im Budgetrahmen und mit einigem Erfolg.
303-Millionen-Bauprojekt ORF
Als 2015 das 303 Millionen Euro schwere Bau- und Sanierungsprojekt ORF-Zentrum auf dem Küniglberg aus dem Ruder zu laufen droht, holt Wrabetz Ende des Jahres Strobl gleich wieder zu Hilfe. Zunächst wieder als externen Berater, nach Diskussionen im ORF-Stiftungsrat über den Auftrag stellt Wrabetz ihn 2018 wieder an. Da hat gerade eine Koalition von ÖVP und FPÖ die Regierung übernommen und arbeitet an einem neuen ORF-Gesetz und einer neuen Führung (das Ibiza-Video durchkreuzt die Umsetzung 2019).
ORF-Bestverdiener mit Pensionsvertrag
Aus 2018 stammt also Strobls aktuelle Anstellung. Er sammelt Aufgaben im ORF: Neben der Projektleitung des Bauprojektes leitet er Facility Management, Sicherheit, Barrierefreiheit und Humanitarian Broadcasting (etwa mit der großen ORF-Charity Licht ins Dunkel). Strobl wird das 303-Millionen-Euro-Bauprojekt trotz massiver Inflation im Kosten- und Zeitplan umsetzen.
Kurz vor Wrabetz' Ablöse Ende 2021 durch Roland Weißmann bekommt Strobl noch einen praktisch nicht auflösbaren (oder voll auszuzahlenden) Vertrag bis ins Jahr 2026 (im Juni 2026 wird Strobl 70). Der Vertrag mit Bonuszahlungen macht ihn zum höchstbezahlten ORF-Manager mit 2024 etwa 451.710 Euro Bruttojahresgehalt, mehr als der ORF-General. Strobl erklärt das Volumen mit seiner Bedingung für die Anstellung 2018: Er verlangte soviel zu verdienen wie im Schnitt der drei Vorjahre mit seiner Agentur (die jedenfalls auch für den ORF arbeitete).
Schon 2010 hat der damalige ORF-General Wrabetz Strobl eine ORF-Pension zugesichert – wie sie der ORF seit dem Jahr 2000 nicht mehr vergab. Roland Weißmann beauftragt 2022 als neuer ORF-General zwei Gutachten, die ernste rechtliche Zweifel an der Zusage aufwerfen. Strobl muss die Zusage deshalb nach Ablauf seines Dienstvertrages einklagen, bestätigt er mir 2026.
Gemacht, gekippt – Strobls Bilanz der General:innen und Direktor:innen im ORF
Pius Strobl wird im ORF, in der Politik und in Medien eine Rolle zugeschrieben bei den Vorgängen, die zum Rücktritt von Roland Weißmann als ORF-General führen. Eine ORF-Mitarbeiterin verlangte den Rücktritt, sie würde sonst Material aus Weißmanns Kommunikation ihr gegenüber aus 2022 veröffentlichen, das Fehlverhalten dokumentiere. Sie arbeitet in Strobls Bereich, den Weißmann schon 2025/2026 und vor Strobls Abgang aufzuteilen begann. Strobl verneint, die Frau dazu motiviert zu haben, bestätigt aber, denselben Anwalt zu beschäftigen.
Pius Strobl hat in der Geschichte schon mehrfach eine Rolle gespielt beim Werden und Fallen von ORF-Manager:innen. Ein kleiner Überblick, womöglich noch lückenhaft (Hinweise gern an harald@diemedien.at):
- Bachers letztes Comeback. Als Pius Strobl 1989 für die Grünen in den damaligen Aufsichtrat, das ORF-Kuratorium, kommt, arbeitet Gerd Bacher gerade an seinem letzten Comeback an die ORF-Spitze, um den 1986 von der SPÖ unterstützten Thaddäus Podgorski mit 1990 wieder abzulösen.
- Programmintendant muss weg. Der langjährige, von der ÖVP unterstützte ORF-Programmintendant Ernst Wolfram Marboe widersetzt sich Bacher, der aus Spargründen Festivalübertragungen gestrichen hat. Kuratoriumsmitglied Strobl hilft tatkräftig aufzudecken und wirkungsvoll öffentlich zu machen, dass Marboe für die Übertragung der Lustigen Witwe aus Mörbisch eine Produktionsfirma seines Sohnes und des Sohnes des ORF-Chefproducers einsetzte. Marboe wird 1993 vom Kuratorium auf Antrag Bachers spektakulär abgesetzt.
- Zeiler, Weis, Wrabetz. Bacher folgen (mit Strobl im Kuratorium) Gerhard Zeiler und Gerhard Weis an der ORF-Spitze; Weis holt 1998 Alexander Wrabetz aus dem Kuratorium als Finanzdirektor in sein Führungsteam. Strobl hat das Kuratorium 1999 verlassen und macht seine Geschäfte auch mit dem ORF. ÖVP und FPÖ lösen 2001 Weis mit einem neuen ORF-Gesetz vorzeitig ab und machen Monika Lindner zur ORF-Generalin. Sozialdemokrat Wrabetz bleibt Finanzdirektor auch unter Lindner.
- Wrabetz' Regenbogen. Pius Strobl, seit 2004 wieder im ORF-Stiftungsrat, ist eine wesentliche Stimme jener sogenannten Regenbogenkoalition im ORF-Stiftungsrat gegen die Kanzlerpartei ÖVP, die 2006 Monika Lindners Wiederwahl verhindert und Alexander Wrabetz zum ORF-General macht. Entscheidend waren damals die von Peter Westenthaler orchestrierten Stiftungsräte des freiheitlichen ÖVP-Regierungspartners BZÖ (das dafür drei Direktorenjobs besetzen darf). Strobl wird mit Wrabetz' Dienstantritt 2007 Kommunikationschef des ORF.
- Infodirektor muss weg. Infodirektor Elmar Oberhauser widersetzt sich einem, wie er sagt, SPÖ-Wunsch für die TV-Chefredaktion. General Alexander Wrabetz, gerade selbst noch Ablösekandidat des roten Kanzlers, lässt den Infodirektor abwählen und bestellt den passenden Chefredakteur. Strobl lässt Gespräche am Rande der entscheidenden Stiftungsratssitzung mitschneiden und muss selbst wegen dieser "Abhör-Affäre" gehen.
- Zurückgetreten. 2026 wird Strobl eine Rolle bei den Rücktrittsforderungen einer Mitarbeiterin gegen ORF-General Roland Weißmann zugeschrieben. Er verneint diese.
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